Der einsame Bär

Eine Kurzgeschichte, nicht nur für Kinder

DER EINSAME BÄR

Ein Märchen aus dem 21. Jahrhundert von ThomasRuppel

Wir schreiben das Jahr 2021
Es war einmal ein Bär, der hatte es so schwer, weil er ganz alleine war, ohne Freunde, ohne Zukunft, ohne Geld, einfach nur einsam auf dieser Welt!
Leben musste der Bär in einem Erdloch, weil ihm die Mittel fehlten um in einer vornehm ausgestatteten Höhle zu wohnen.

Er grämte sich deswegen sehr. Seine Räumlichkeiten waren so einfach wie man es sich nur vorstellen konnte. Keine Elektrizität, kein fließendes Wasser, kein Kühlschrank, kein Fernseher, und keine Putzfrau.
Immer wieder überlegte sich der Bär wie er seine Lebensumstände verbessern könnte.

Er grübelte und grübelte, aber das was er am liebsten gehabt hätte, war schlicht weg nicht zur Hand. Eine nette Bärin die sexy war und auch gut putzen konnte.

Manchmal stellte sich der Bär stundenlang an die Emmendinger Straße vor das Frisör-Geschäft „Scheren Zauber“ und sang immer wieder die beiden Lieder die er so gut beherrschte.
Am besten gefiel ihm das Lied: „Bärenmarke“. Es ging wie folgt: „Bärenmärkchen zum Kaffee, Bärenmärkchen in den Tee, Milch tut gut und macht mir Mut.“
Aber auch die schöne Weise von den Gummibären sang er gerne.
„Gummibärchen sind so rund, machen Freude und sind bunt, Gummibären sind ganz fein und mein Bäuchlein das ist klein.“
Wenn er sang stellte er eine alte Dose vor sich auf die Straße und erstaunlicherweise warfen die Menschen die ihn hörten Geld hinein.

Der Bär, in dieser Geschichte heißt er „Meister Brumm“, konnte, zumindest bisher, sein Problem, alleine zu sein, nicht lösen, weil keine einzige Bärin in seiner Nähe wohnte.

Nur Menschen!

Vor einiger Zeit hatte er einmal eine hübsche blonde Bärin gesehen, die aber wohnte in Freiburg, weit, weit weg von seiner Höhle, die sich in Sexau befand.
Die Bärin hatte sich verlaufen und als sie Meister Brumm zu Gesicht bekam, lief sie schnell zur nächsten Bushaltestelle und fuhr schwarz, weil sie gerade kein Geld zur Hand hatte, zurück nach Freiburg in die Wiehre, wo sie in einem vornehmen Loch hauste.
„Meister Brumm“ hatte sie nie wieder gesehen.
Ihr müsst nämlich wissen, dass „Meister Brumm“ der hässlichste Bär war den man sich vorstellen konnte.

„Meister Brumm“ vermied es in den Spiegel zu schauen aus Angst, der könnte zerspringen.
Auf seinem ganzen Körper war nur ekliges, braunes und zerzaustes Fell, seine zu klein geratenen Augen leuchteten rot wie Feuer und seine Schnauze war krumm.

Kurz überlegte der einsame Bär ob er nicht, seiner Fell-Farbe wegen, in die AFD eintreten sollte. Vielleicht gab es ja dort nette, schön gefärbte, braune Bärinnen.
In diesem Falle würde er sogar auf „Blond“ verzichten. Großzügig war er halt schon!

Der nächste AFD-Ortsverein war nicht weit von Sexau, in Windenreute zu finden.
Er überlegte lange ob er sich diesem Verein anschließen sollte, verwarf es aber dann aus Vernunftgründen. Blöd war er ja nicht!

Es war Dezember und im Winter sollte er eigentlich in seiner Höhle liegen und schlafen.
„Meister Brumm“ sah das aber überhaupt nicht ein, denn er hielt langes Schlafen für reine Zeitverschwendung. Das Leben eines Bären war sowieso schon viel zu kurz.

Eines Morgens stand Meister Brumm gutgelaunt auf, was durchaus nicht oft vorkam, kämmte sein hässliches Fell mit einer Drahtbürste und beschloss sich auf den Weg zum Bahnhof nach Emmendingen zu machen.

„Meister Brumm“ war ein fortschrittlicher Bär.
Obwohl er nur in einer ekligen Höhle hauste, gönnte er sich ein Smartphone, welches er sich von seinem Ersparten, gebraucht gekauft hatte.
Sein Nachbar überließ es ihm recht günstig, unter der Auflage, dass er aufhören sollte, ständig dieselben zwei Lieder zu singen.
„Meister Brumm“ war beleidigt, ließ sich aber nichts anmerken.

Die größte Herausforderung seines jungen Lebens stand ihm jetzt und heute bevor.
Er würde sich sofort auf den Weg nach Freiburg machen um seine zukünftige Frau zu treffen.
Bislang wusste nur er davon.

Zunächst musste „Meister Brumm“ nach Emmendingen gelangen.
Über Google Maps fand er heraus, dass die Entfernung zum Bahnhof nur 5,1 km betrug.
Wenn er zügig lief würde er die große Kreisstadt Emmendingen in etwas über einer Stunde erreicht haben.
Danach würde es schon wesentlich komplizierter werden, doch wollte er sich dieser großen Aufgabe gerne stellen.
Schließlich war er doch ein Bär von Welt!
Also, einfach in den Zug nach Freiburg einsteigen, sich während der Fahrt im Klo verstecken, weil er ja kein Geld hatte, und dann in die Wiehre wandern um die schöne Bärin zu finden, die damals vor ihm davon gelaufen war.

Er hatte sich wunderschön herausgeputzt, na ja, so gut es eben ging, denn er war nach wie vor hässlich.
Um von seinen ekelhaften roten Augen abzulenken band er sich ein stahl-blaues, breites Seidentuch um den Kopf, das er so weit in die Stirn zog, dass er gerade noch etwas sehen konnte.
Damit sah er cool aus, er war überzeugt davon!
Das Handy hängte er, an einem knall-roten Band befestigt, um seinen dicken, zotteligen Hals, was ihn zu einem modernen Bären machte, hässlich oder nicht.

Die Zugfahrt nach Freiburg überstand Meister Brumm ohne dass der Schaffner ihn entdeckte.
Die Bahnfahrt auf dem Klo war ungemütlich und zugig und so stieg „Meister Brumm“, trotz allem, einigermaßen glücklich und voller Tatendrang am Hauptbahnhof aus und war sogleich vollkommen verwirrt, denn er war noch nie in einer so riesigen und schönen Stadt gewesen.
Eigentlich dachte er immer das Emmendingen an Größe und Schönheit nicht zu überbieten wäre. Um den Weg in die Wiehre zu finden musste er noch 27 Minuten, ca. 2,1 km zu Fuß gehen. Das alles würde „Meister Brumm“ nichts ausmachen, denn er hatte ja sein großes Ziel vor Augen.
Er nahm sich vor irgendwelche Passanten nach dem Weg in die Wiehre zu fragen, denn der Akku seines Handys war plötzlich leer geworden und der Nachbar hatte vergessen ihm das Ladegerät dazuzugeben.

„Meister Brumm“ sah keinen einzige Bär/innen, nur Menschen die irgendwie hektisch herumliefen.
Alle starrten sie, sogar während sie liefen, auf ihre Handys. In der anderen Hand hingen oft schwere Einkaufstaschen.
Unglaublich dachte der Bär, wie kann man nur so blöde sein!

Sofort sprach „Meister Brumm“ einen Passanten an, einen Mann, denn er wollte keine der Frauen erschrecken, lieber einen Mann, die konnten das sicher besser ertragen.

„Wo geht es denn hier in die Wiehre, bitte?“ sprach der Bär.
Meister Brumm verzog seine Schnauze zu einem breiten Lächeln, sodass man die gelben Zähne gut erkennen konnte und blickte den Mann erwartungsvoll an.
Der Mann erschrak gar fürchterlich, denn er hatte noch nie einen Bären frei herumlaufen sehen, und einen so hässlichen schon dreimal nicht.
Jedoch wollte sich der Freiburger Fremden gegenüber weltoffen zeigen und gab dem Bären bereitwillig Antwort:
„Du gehst da vorne rechts die Straße entlang, die zweite links und dann immer geradeaus. Es ist ganz leicht zu finden, denn dort wohnen die -Reichen und die Schönen- unserer Gesellschaft.“
Der Bär bedankte sich für die freundliche Auskunft, obwohl er es bescheuert fand, dass der Kerl ihn einfach so duzte.
Na ja, egal, dachte sich der Bär. Ich habe ja ein Ziel, ein schönes und blondes „Ziel“ noch obendrein.
So schlenderte „Meister Brumm“, immer noch gut gelaunt durch die Freiburger Straßen auf dem Wege in das Stadtteil der „Reichen und der Schönen“.
Obwohl die Kirchturmuhr gerade ein Uhr schlug, verspürte der Bär keinen Hunger, denn er war super aufgeregt ob der Dinge die da gleich kommen würden.
Auch war er kein bisschen müde und das am 31. Dezember!

„Meister Brumm“ redete sich ein das er schon ein sehr außergewöhnlicher Bär sein musste, denn er konnte singen und besaß ein Smartphone ohne Ladegerät.
Er war sich sicher, dass das auch die blonde Schönheit, die er gleich treffen würde, anerkennen musste.
Ob die Bärin wohl einen Kühlschrank, einen Fernseher oder ein Internetradio besaß? Vielleicht hatte sie sogar einen Kaffee-Vollautomat und ein Hutschenreuther Kännchen in das man die gute „Bärenärkchen-Milch“ füllen konnte?
Nun, das war ja jetzt noch nicht so wichtig!

„Meister Brumm“ war nun ganz klar schon in der Wiehre angekommen, denn die Menschen starrten auf vergoldete Handys und trugen Mäntel mit Pelzkragen, und noch größere Einkaufstüten, natürlich nur von Markenherstellern.

Hier musste sie wohnen!

Der Bär fühlte sich leicht fehl am Platz und übersah durchaus nicht, dass die wenigen Menschen, die nicht auf ihre Handys starrten, ihn anglotzen.
„Meister Brumm“ nahm sich ein Herz und fragte, diesmal eine Frau: „Entschuldigung gute Frau, können sie mir vielleicht sagen in welchem vornehmen Loch die schönste aller blonden Bärinnen wohnt?“
Die Frau starrte den Bären entgeistert an, denn sie hatte noch nie eine so hässliche Gestalt gesehen.
Die Passantin überlegte nicht lange und sagte:
„Ich habe hier in der Wiehre nur ein einziges Mal eine Bärin gesehen und die wohnt in der Quäkerstraße, gleich neben der Bäckerei und Café Schneider.“
Meister Brumm war total baff über die schnelle und präzise Antwort. Das Maul stand ihm sperrangelweit offen, was der Frau nicht entging.
„Die Bärin ist meine Nachbarin“, gab die Frau lächelnd zu.
„Meister Brumm“ ließ sich den Weg ganz genau beschreiben, bedankte sich überschwänglich und rannte los, so schnell er konnte.
Beinahe hätte er ein paar Fußgänger von der Straße gefegt, so aufgeregt war er.
„Mein Ziel ist nun zum Greifen nahe“, sagte der Bär laut vor sich hin.

Schon einige Minuten später erreichte er die angegebene Adresse. Die Hausnummer die ihm die freundliche Frau nannte, fand er sofort.
Es gab vier Klingeln. Ohne zu denken drückte er alle Knöpfe.
Er hörte ein Surren und die Haustür ließ sich ganz leicht aufdrücken.
Aus einer der Wohnungen kam eine ältere Dame und der Bär dachte: „Ne, die eher nicht“.
Aufgeregt lief er die Stufen zum nächsten Stock hinauf, ohne sich bei der alten Dame zu entschuldigen, und stand nun ganz plötzlich und unverhofft vor „seiner“ Bärin.
Sie war noch schöner als er sie in Erinnerung hatte.
Ihr Fell glänzte wie Seide und ihre schönen Zähne blitzen wie Diamanten. Ihre Schnauze war kerzengerade und sie trug etwas Wimperntusche, was ihr hervorragend stand.

Die Bären-Dame staunte nicht schlecht, denn sie erkannte ihn sofort wieder. So ein Gesicht konnte selbst sie nicht vergessen.
Sie rief, fast etwas zu laut: „Um Gottes Willen, was machst du denn hier? Hast du dich verlaufen? Deine Höhle ist doch in Sexau, oder nicht?“
„Meister Brumm“ hörte überhaupt nicht zu, stand einfach nur dumm lächelnd vor ihr.
Die Bärin machte keine Anstalten ihn in die Wohnung zu bitten.
Schließlich begann Meister Brumm recht unbeholfen mit dem Satz:
„Äh, ich bin gekommen um dich zu sehen, schau, ich habe mir sogar ein Smartphone gekauft um den Weg zu dir zu finden!“
Er fuhr fort: „Äh, ich heiße Brumm, Meister Brumm“.
Die Bärin trat zur Seite und bat „Meister Brumm“, mit einer unauffälligen Pfotenbewegung, in die Wohnung.
Das war ihr alles sehr peinlich und sie hoffte das die Nachbarn nichts mitbekommen würden. Es war ja nun schon außergewöhnlich genug, dass sie die einzige Bärin hier im Hause war. Ein anständiges Haus!
„Ich heiße Alice“, sagte die Bärin verunsichert, weil sie nicht wusste wie sie mit der Situation umgehen, oder was sie überhaupt sagen sollte.
„Freut mich Alice“ sprach der Brumm-Bär.
Alice setzte ein freundliches Lächeln auf, aber inzwischen dachte sich der Brumm-Bär eine List aus. Irgendwie musste er ja weiterkommen.
„Alice, ich möchte dir dieses wunderschöne blaue Seidentuch überreichen. Es bedeutet mir sehr viel und ich möchte es dir schenken.“
Er nahm es sogleich vom Kopf und hoffte das es nicht nach Schweiß stinken möge.
„Bevor du mich gleich wieder wegschickst möchte ich ein kleines Spiel mit dir spielen“. Ohne zu fragen band er das Seidentuch um den Kopf der Bärin und zog es so weit herunter das die Bärin nichts mehr sehen konnte.
Erstaunlicherweise ließ sie es sich gefallen.
Der Bär wurde mutig und fragte: „Alice, du schönste aller Bärinnen, willst du mich heiraten und kleine Bärchen mit mir machen?“
Er wollte ihr schon sein „Gummibärchenlied“ vorsingen, ließ es aber vorsichtshalber bleiben.

Stille!

Alice stand einfach nur da und sagte nichts.
Meister Brumm dachte sich schon das es so einfach ja wohl nicht sein könnte, als die Bärin Alice zu ihm sagte: „Du bist zwar der hässlichste Bär den ich je gesehen habe, aber du bist mutig und stark und nett obendrein, außerdem kann ich dich gerade nicht sehen.“

Pause!

Dem Bären stockte der Atem.
„Aber ja, ich will dich zu meinem Ehe-Bären haben. Ich denke du bist verrückt und das passt zu mir.“
Der Brumm-Bär fiel seiner Zukünftigen um den Hals und drückte sie so heftig, dass sie keine Luft mehr bekam.
Alice nahm das Tuch vom Gesicht und bereute es trotzdem nicht.

Kurze Zeit später wollten die beiden Bären heiraten.
Alice war eine Bärin von Welt und kannte viele Menschen von Rang und Namen im Umkreis von Freiburg.
Als große Überraschung wollte sie ihre Hochzeit gefilmt haben um die bevorstehenden Geschehnisse für alle Ewigkeiten festzuhalten und damit ihre Kinder und Enkel sie einmal ansehen und bestaunen konnten.

Heimlich, damit ihr Zukünftiger nichts davon mitbekan, rief sie eine Ortsbekannte Videoproduktions-Firma an und vereinbarte einen Termin. Alice war eine hervorragende Rhetorikerin und so handelte sie einen bärenstarken Deal mit der Firma aus.

Auf ihrer Hochzeit ging der Bär ab und alle waren glücklich!

Fortan lebte die Bärenfamilie unbeschwert in ihrer Reihenhaus-Höhle mit Fernseher, Kaffee-Vollautomat und allem was dazu gehört. (Eine Putzfrau hatten sie natürlich auch!)

Sie bekamen viele kleine Bärchen und bald wurde die Reihenhaus-Höhle zu klein.
Aber das ist eine andere Geschichte… und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.

Das ist ein Märchen von Thomas Geschichtenerfinder 2021

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